„Das bin ich wirklich: böse, besoffen, aber gescheit!(Josef Roth)

Briefe

Die Mär vom sauberen Krieg:

Lieber Hans,
es ist dir sicher nicht entgangen: Jetzt werben sie wieder für den Dienst in der Bundeswehr. Auf großformatigen Plakatwänden sprechen sie von - der Chance schlechthin - im Dienst für den Frieden. Ggf. mit der Lizenz zum Töten. Als ob wir nicht wüssten, worauf dies am Ende hinausläuft. Niemals in der Geschichte der Menschheit haben Waffen nachhaltigen Frieden geschaffen. 

Der frühere Verteidigungsminister K.T. zu Guttemberg hat die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt. Eine kluge Entscheidung. Ein wirklich gewissenhafter Beitrag, dauerhaft Frieden zu schaffen . 

Ein kluger Mann hat einmal gesagt: Hätte man Deutschland nach 1945 doch nur einen Sieg gelassen. Den Sieg über den Militarismus. Wir beide haben in jungen Jahren unseren Wehrdienst abgeleistet. Aus Naivität. Aus Dummheit damals. Man lehrte uns Männchen machen. Lehrte uns, Händchen an die Mütze zu halten. Lehrte uns Respekt vor Dienstgraden, und gaben sie, diese Honoratioren in Uniform, ein noch so lächerliches Bild ab in ihrer Kleingeistigkeit die sie mit militärischen Drill und Gebrüll zu kompensieren suchten. 

Wenn wir dem ein oder anderen später im zivilen Leben wieder begegneten, im zivilen Leben, in dem sie nur zu oft als gescheiterte Existenz ihr Kleindasein fristeten, weil sie nicht die Anerkennen fanden die ihrem von Gottvater Staat verliehenen Dienstgrad galt, nicht aber der Person, die sich hinter den Sternchen und Streifen auf der Schulter verbarg.
Sie lehrte uns blinden Gehorsam und Betten bauen. Lehrte uns stoischen im Gleichschritt zu marschieren. Lehrte uns Schießgewehre zu putzen und zu benutzen indem wir auf Pappscheiben zielten die freilich die Silhouette eines menschlichen Körpers suggerierte. 

Das sollte sich später ändern. Die kommende Generationen schoss wieder auf Menschen, galt es doch unsere freiheitlich demokratische Grundordnung auch am Hindukusch zu verteidigen. Notfalls auch unter Einsatz des eigenen Lebens, versteht sich. Mehr als 100 Soldaten der Bundeswehr haben ihr Leben in Ausübung ihrer Pflicht verloren. 40 von Ihnen im Kampfeinsatz. Unzählige, die zurückkehrten, hatten dauerhaften psychischen Schaden genommen vom Brunnenbau am Hindukusch. Bundestagsdebatten wurden geführt, ob man dies nun Krieg nennen, ob man die Getöteten als Gefallene bezeichnen dürfe. Spätestens in diesem Moment mochte man sich doch erinnern an die Wirkung dieser Begriffe.
Laut Recherchen des Spiegel beträgt die Zahl der zivilen Opfer allein in Afghanistan rund 70000 Menschen. 70000 Menschen, die für den Frieden in der übrigen Welt geopfert wurden, verbucht unter dem Begriff, Kollateralschaden. Geopfert in einem Krieg, an dem die Bundeswehr maßgeblichen Beitrag leistete. Krieg gegen die internationale Bedrohung durch Terrorismus... oder spielen da doch andere Beweggründe mit ein? Du erinnerst dich an den früheren Bundespräsidenten Horst Köhler, der nach eine umstrittenen Äußerung zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr zurücktrat? Zitat: „Dieser Krieg dient auch, und sicher nicht zuletzt der Aufrechterhaltung und Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen.“
Das wahre Gesicht dieses Krieges zeigte sich im Massaker von Kundus, bei dem ein überforderter Oberst den Mord an 150 Zivilisten befehligte? Erst kürzlich wurden letztinstanzlich die Entschädigungsklagen der Opfer gegen die Bundesrepublik abgewiesen. Natürlich, es käme ja einem Schuldeingeständnis gleich. Schließlich muss man sein Gesicht wahren. „Einsatz für den Frieden“ nennt man die moderne Art der Feldzüge. Und weil es an Personal fehlt, installiert man billige Dokusoaps, die auch die letzten Idioten, deren Anspruch ans Leben sich bestenfalls im Konsum von 150 TV-Kanälen erschöpft, erreichen.
Clausewitz hat einmal gesagt, Krieg sei die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln. Für uns, du erlaubst mir, dass ich in unser beider Name spreche, ist Krieg vor allem das Versagen von Politik. Sie, die Versager, die wirklichen Provokateur, die Hofschranze der Wirtschaftslobbyist, handeln wie eh und je. Sie entscheiden am grünen Tisch über Leben und Tod derer, die in ihrem Namen das Schwert zu führen haben. Sie sind es nicht, die am Ende die Zeche zahlen. Sie sitzen heute wie eh und je in Ihren weichen Polstern, Geschütz durch Immunität die sie unantastbar macht. Die Unschuldigen sind es. Die Familien, die Väter, Mütter, Kinder. Mit so markigen Sprüchen wie „Mach was wirklich zählt!“ werben sie für die Laufbahn in einem Organ deren Handwerk das Töten ist. Werben für die Offizierslaufbahn. Werben für die Ausbildung zum Kampfpiloten. Werben für Ausbildung an Hightech-Waffen, deren einziger Zweck im Zerstören liegt.

Lieber Hans, wie armselig muss ein Verstand beschaffen sein, der dies nicht erkennt? Wie gescheitert eine Existenz, die berufliche Perspektiven  an der Waffen sucht?
Mach Karriere bei der Bundeswehr“, heißt es. Und weiter: „Bei der Bundeswehr machen Sie sich stark für unsere Gesellschaft und Ihre Zukunft.“ 75 Jahre sind vergangen seit dem letzten großen Krieg. Unsere beiden Großväter haben dieses Trauma nie überwunden. Du erinnerst dich, wie oft wir beisammen saßen, wenn sie nahe ihrem Lebensende von Ereignissen berichten, deren Bilder ihnen so präsent waren wie in den Tagen, als sie es erlebten. Der Philosoph Hegel bemerkte einmal, dass alle großen weltgeschichtlichen Ereignisse sich wiederholen. Einmal als Tragödie. Das zweite mal als Farce. Der erste Weltkrieg fand seine überarbeitete Auflage 26 Jahre später. Gelernt hat die Menschheit nichts daraus. Andernfalls würde sie sich nicht auf diese erneute Tragödie einlassen. 

Werbung für den Dienst an der Waffe, als ginge es um das größte Abenteuer der Menschheit. Schon Wilhelm der II. warb für seinen Krieg mit ähnlichen Inhalten.
Mein Ansinnen, lieber Hans ist erfüllt, wenn beim Lesen dieses Textes auch nur ein Einziger von seinem Vorhaben absieht, eine Kariere mit der Waffe in der Hand anzustreben, eine Ausbildung im Handwerk des Tötens.
Es grüßt dich
Dein getreuer Freund.