„Das bin ich wirklich: böse, besoffen, aber gescheit!(Josef Roth)

Eigene Texte

Gedanken eines Kaffeehausgastes.

Im Alter von knapp 55 Jahren, angesichts auch des Umstandes, dass er, der Tod, um den es hier gehen soll, bereits den ein oder anderen Weggefährten ereilt hat, mache ich mir doch immer wieder mal Gedanken über meine persönlich bevorzugte Weise, ihn zu empfangen. Freilich hoffe ich, dass er es denn nicht allzu eilig hat im Bestreben meiner Gesellschaft. Wenn es sich dann aber doch nicht mehr vermeiden lässt, würde ich ihm gern im Kaffeehaus, nach reichlich Konsum dieses schwarzen Gebräus, nachdem diese Institution benannt ist, und dem ich zu Lebzeiten so zugetan war, empfangen.

Auch das Theater, dem, ich kann es so sagen, zweitliebsten Aufenthaltsort meines irdischen Daseins, hielte ich für geeignet, die Bühne des Diesseits zu verlassen. Hinzukommt, dass diese Variante meinem Hang zur Dramatik doch sehr in die Hände spielt. Vielleicht auch der Befriedigung einer gewissen Eitelkeit, auf diese Weise doch noch in die Feuilletons der Tagespresse zu gelangen, deren Lektüre eine weitere Leidenschaft meines Lebens darstellt.

Die denkbar unangemessenste Weise meines Dahinscheidens bestünde allerdings in der zwangsweisen Ergebenheit pflegender Händen in einem sterilen Krankenzimmer. Unmittelbar gefolgt vom Tod, der sich während oder nach Verrichtung körperlicher Anstrengung, also unmittelbar oder im Schlaf, also im Zustande der Erschöpfung durch getane Arbeit, einstellte.

Was bleibt mir also übrig, verbleibende Lebenszeit auch weiterhin in gewohnter Nichtbeschäftigung im Kaffeehaus zuzubringen, um größtmöglichen dramaturgischen Einfluss auf den letzten Akt ausüben zu können




Vertrauter Fremder.


Irgendwann war er nicht mehr da.  Er kam einfach nicht mehr, und im Grunde was dies der Moment, ab dem ich ihn wahrnahm. Jemand, der weniger durch seine Gegenwart auffiel, sondern erst, als der Platz im Café, an dem er sich gewohnheitsmäßig befand, leer blieb. Zu diesem Zeitpunkt war er für mich untrennbar verbunden mit diesem Ort. Bis heute sehe ich ihn vor mir. Obwohl ich längst nicht mehr in der Stadt lebe, in der sich dieses Café befindet – längst hat es seinen Besitzer gewechselt – schaue ich, wann immer ich die Stadt besuche, nach, ob er doch wieder gemäß seiner langjährigen Gewohnheit seinen Platz an einem Einzeltisch gleich an der Fensterfront eingenommen hat.


Das Gefühl des Wohlbehagens an dem Ort, an dem ich lebe, definiert sich in nicht unerheblichem Maß darin, ob sich in der Nähe meiner Wohnung das eine oder andere Café befindet. Nicht irgendein Café jedoch. Keines der Ketten und Franchisunternehmen, die jede Form von Individualität und Charme vermissen lassen. Auch muss es keines der eleganten Kaffeehäuser sein, die, sofern sie überhaupt noch in unseren Städten und Metropolen zu finden sind, meist nur noch als Denkmal einer Gattung, die sich längst überholt hat, stehen. Das Kant-Café, fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt, bot mir dies über die Jahre, die ich in dieser Stadt verbrachte. Es beschrieb sich selbst als Künstler- und Studentencafé, wenn die Gäste, die sich in großen Teilen regelmäßig dort einfanden, das Studentenalter auch längst hinter sich hatten bzw. ihre künstlerischen Ambitionen darauf konzentrierten, für einen solchen gehalten zu werden.

Es war beileibe nicht schön. Abgewetzte Sessel, Wände und Decken, die in ihrer Erscheinung an Zeiten erinnerten, als man in Cafés noch rauchen durfte. Kaffee, der vor allem billig war. Aber es umwehte ein gewisser Geist, und dies nicht zuletzt durch einen täglichen Gast, der von früh bis spät an seinem Tisch saß, Stapel von Notizblöcken vor sich hatte und schrieb. Er schrieb ohne Unterlass. Unterbrach diese Tätigkeit hin und wieder, indem er an den Tresen oder auch in die Küche ging, um sich ein Getränk zu holen. In seltenen Fällen wurde er von einem weiteren Gast zu einer Zigarette oder einer kurzen Unterhaltung eingeladen. Niemals aber nahm jemand Platz an seinem Tisch, verweilte länger bei ihm, begleitete ihn, wenn er, meist als letzter Gast, das Café verließ.

Er war meist schwarz gekleidet, wodurch ihm eine gewisse Eleganz zu Eigen war. Er war von großer, schlanker Statur. Das dichte weiße Haar war ordentlich frisiert, der gepflegte Bart gestutzt und geölt. Sein Gang war gemäßigt und leicht nach vorn gebeugt. Das schmale, im Sommer sonnengebräunte Gesicht, zierte eine schwarze Schildpattbrille, die ihm zur erwähnten Eleganz einen intellektuellen Charakter verlieh.

Wenn ich selbst auch täglich Gast war in diesem Cafe, so blieb ich oft nur wenige Stunden, las meine Zeitungen, trank einige Tassen Kaffee und sah mir diesen Mann an. Wie ein Magnet lenkte er meine Aufmerksamkeit auf sich. Was von ihm ausging, war das, was man wohl Präsenz im absoluten Sinne des Wortes nennt. Er schaffte Atmosphäre.

Im Lauf der Jahre ging eine zunächst unmerkliche, später umso deutlicher werdende Veränderung mit ihm vor. Zwar saß er nach wie vor an seinem Tisch, seine Gewohnheiten zelebrierend. Ein physischer Alterungsprozess schien sich zunächst kaum zu vollziehen. Doch seine Kleidung, seine ganze Erscheinung begannen sich abzunutzen. Ich bemerkte es, als ich mich ihm eines Tages unwillkürlich näherte und sah, dass der Bügel seiner Brille, die zweifellos einmal ein Model teurerer Art gewesen war, notdürftig mit Klebeband fixiert wurde. Ich räumte diesem Umstand noch keine Bedeutung ein, weil die Veränderung sich zunächst hierauf beschränkte. Es war jedoch bald nicht mehr zu verleugnen, dass ein gewisses Maß an Verwahrlosung eintrat,

Bald begegnete ich ihm zunehmend auch auf der Straße, sei es auf dem Weg zum Café oder dasselbe verlassend. Hier trug er meist zwei Plastiktüten bei sich, in denen sich offenbar sein persönlicher Besitz befand. Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit noch verging, bis er nicht mehr kam. Keineswegs aber war es der Fall, dass seine Besuche sich unterbrachen oder kürzer wurden, was auf eine Erkrankung oder ein anderes Ereignis hindeuten könnte. Nein – von heute auf morgen blieb er dem Café fern.

Es vergingen Wochen, bis ich ihn durch Zufall an einem Tisch, der sich auf der Freifläche vor der Tür eines anderen Cafés befand, sitzen sah. Es war ein kühler Herbsttag. Ich nahm ihn erst auf den zweiten Blick wahr. Suchte seinen Blick, ging jedoch an ihm vorüber, bis ich mich besann und das tat, was ich all die Jahre hätte tun wollen. Ich trat vor ihn und sprach ihn an. Er saß etwas in sich versunken vor diesem Café. Keine Notizblöcke vor sich. Kein Stift in seiner schwieligen Hand. Kein Gedanke in seinem Blick, der es wert schien, niedergeschrieben zu werden. „Haben Sie das Café gewechselt?“, so meine scheue Frage. Er sah zu mir auf. Fasste mit beiden Händen meine Hände. Die seinen waren kalt, wie die ganze Erscheinung des Alten. "Ich genoss dort ein gewisses Privileg", so seine Worte. Er sagte es, indem er meine Hände weiter in seinen drückte, sie leicht schüttelte und mir mit einem Blick in die Augen sah, den ich nie vergaß. Der Blick sehender Augen. 
Ich löste mich von ihm ohne ein weites Wort. Ich hatte keine Worte obschon ich den Wunsch verspürte mich ihm mitzuteilen. Verstört nahm ich meinen Weg wieder auf, ohne mich noch einmal umzusehen. Dies war das letzte Mal, dass ich ihm begegnete.

Monate später, ich war nach wie vor Stammgast in diesem Café, fragte ich eine Bedienung nach ihm. Ich beschrieb ihn mit ungelenken Worten. Natürlich wusste sie, wen ich meinte.
Unser Hausgeist“ sagte sie, sich erinnernd. Über viele Jahre war er der erste und letzte Gast an diesem Ort. Er schrieb, er las, nach Feierabend, wenn das Personal noch bei einem Kaffee oder einem Bier beisammen saß, las er ihnen oft aus seinen Texten oder den Klassikern der Literatur vor.

Jeder kannte ihn, doch niemand wusste wer er war, woher er kam und wohin er ging ...

Seit diesem Erlebnis sind rund zehn Jahre vergangen. Kaum ein Tag, an dem ich nicht an ihn denken muss. An diesen sonderbaren Alten, der mit der Geste eines Händedrucks, eines Blicks und ein paar weniger eher bedeutungsloser Worte aus meinem Fokus verschwand. Dieses Erlebnis ist ein Schatz, den ich in mir trage, den ich fürchtete zu verlieren, wenn ich ihn aufschreibe.
Wenn ich, wie beschrieben, heute nach ihm schaue, sooft ich dieses Café betrete, hoffe ich doch, ihn nicht anzutreffen, denn damit wäre dieses Mysterium, das ich mit ihm verbinde, dahin.
Vielleicht gab es ihn nicht. Vielleicht war er nur für wenige sichtbar. Vielleicht nur ein Produkt der Phantasie derer, die in ihm sahen, als das ihn die Bedingung beschrieb.


Nachtrag;
Als ich heute begann diesen Beitrag zu schreiben, suchte ich nach einem Foto des Kant-Cafes, dass mir über viele Jahre ein besonderer Ort, nicht zuletzt aufgrund der geschilderten Erlebnisse war.
Was ich statt eines geeigneten Fotos fand, war ein Zeitungsartikel mit den Hinweis, dass das Kant-Cafe mit dem heutigen Tag, dem 01.Mai 2017 seine Türen für immer schloss.