„Das bin ich wirklich: böse, besoffen, aber gescheit!(Josef Roth)

Zeit Fragen

Weil so was von so was kommt...

An wenigstens einem Tag im Jahr brauchen sich die Medien keine Gedanken über Themenmangel in der Berichterstattung zu machen. An dem Tag, an dem uns in mittlerweile 15-jähriger Endlosschleife die Bilder des Anschlags auf die Zwillingstürme von Manhattan vor Augen geführt werden. Bilder, die Fragen aufwerfen, auf die niemand eine Antwort hat. Fragen, die nicht einmal gestellt werden. Mit diesem Tag, mit diesem unvorstellbaren Verbrechen, erlangte der Terror, die unkalkulierbare Gefahr aus einer Richtung, aus der man sie in dieser Größenordnung bisher nicht kannte, eine neue Dimension. Schmerz, Lähmung und maßloses Entsetzen waren die unmittelbare Folge. In mittelbarer Folge setzten Kräfte wie unkontrollierte Wut, Hass, Vergeltungs- und Vernichtungswillen ein. Noch am Tag des Verbrechens selbst positionierte sich ein Mann, selbsternannter Lenker der Welt, klein von Wuchs, klein von Geist, groß von Mundwerk, indem er unbarmherzige Härte gegen alles signalisierte, was den verwundeten amerikanischen Geist und die Werte der westlichen Welt in ihren Grundfesten erschütterte.
Die Solidaritätsbekundung europäischer Bündnisstaaten ließ keine 24 Stunden auf sich warten. England sprach vom Blutzoll, den man dem Partner schuldig sei. Eine Frau namens Angela Merkel, der man seinerzeit den Beinamen ­ Bush-Zäpfchen- beimaß, zögerte nicht, sich ins Flugzeug zu setzen, um dem eingangs erwähnten Herrn im Falle eines Wahlsieges der Union uneingeschränkte Unterstützung, nicht nur logistischer Art, zuzusagen. Die UN saugte sich, bereits am Tag nach den Anschlägen, eine eiligst verfasste, höchst umstrittene Resolution aus den Fingern. Und G.W. Bush spitze seinen Griffel, um die Welt einmal mehr in gut und schlecht, streng geteilt durch die -Achse des Bösen-, zu trennen. Die Achse, die die sogenannten Schurkenstaaten per Definition teilte, also Nationen, die sich internationalen Friedensbemühungen – woran auch immer man diese sieht, entgegenstellten. Staaten, die nach Massenvernichtungsswaffen streben. Staaten, die Politik wider den Exportschlager der westlichen Welt, den demokratischen Geist oder zumindest dem, was die USA darunter verstehen, betreiben und sich diesem partout nicht unterordnen wollen. Selbstredend, dass sich die Vereinigten Staaten als Gottes eigenes Land in ihrer Position des Hüters und Werteschmiedes der Welt auf der guten Seite sahen. Ein Land, das es selbst nicht so genau nimmt mit den Menschenrechten.

Am 4. Oktober 2001 setzte sich dann fort, was... nein, nicht was am 11.September desselben Jahres begann. Ein Konflikt, der seit 1978, zunächst durch Besetzung des Landes durch Sowjetische Truppenkontingente begann, und was bis zum heutigen Tag kein Ende gefunden hat: Der Kampf gegen das Diktat der Taliban, das ein Land mit eiserner Hand nach islamistischen Werteprinzipien tyrannisierte, das jede Form von Entwicklung, ob nun wissenschaftlicher, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Art, verhinderte.

Dennoch oder gerade deshalb stellt sich mir die Frage, geben die geschilderten Umstände Dritten das Recht, ein Land mit einem Feldzug zu überrollen, an dessen Ende eine ganze Kultur in Schutt, Asche, Blut und Tränen versinkt? Tod und Vernichtung. Oder sind es am Ende ganz andere Motive, zu denen die genannten nur einen willkommenen Anlass bilden? Solang der Krieg auch und sicher nicht in geringem Maße als Wirtschaftsfaktor und Wertschöpfungskette zu betrachten ist, ist dies zumindest denkbar.
Im Jahr 1993 erschien ein Buch mit dem Titel „Kampf der Kulturen“ des amerikanischen Philosophen und Politik-Wissenschaftlers Samuel Huntington

In der Erläuterung zum Inhalt dieses Werks heißt es: 

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes sei die Weltpolitik multipolar und multikulturell geworden, nicht mehr Ideologien sondern Kulturen bestimmten die Weltordnung. Der Westen müsse, um neue weltweite Konflikte zu vermeiden, auch andere kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigen. Es sei ein Irrtum, Modernisierung mit westlicher Kultur oder Verwestlichung gleichzusetzen. Die Werte des Westens würden in anderen Kulturkreisen nicht als universelle Werte anerkannt.“

Allein in diesem Satz liegt für mich eine mögliche Erklärung für das, was am 11.September 2011 und in Folge fast täglich erneut geschieht. Vor 200 Jahren hat man mit Lanze, Feuer und Schwert der Welt das Christentum aufgezwungen.
Was unterscheidet die heutigen Kriege, geführt nach Idealen und Ideologien, die den Gott des Kapitals im Wappen führen, von denen, die den Koran im Sturmgepäck tragen? Niemand ist unschuldig. Niemand hat das Recht, das Schwert gegen Dritte zu führen. Nicht nach Maßgabe wie es heute geschieht, wie es damals geschah und wie es vermutlich in aller Zukunft geschehen wird.
Der Feldzug, den der texanische Kuhhirt aus Washington führte, setzt den 3000 Opfern des Anschlags von New York eine Zahl entgegen, die diese um das hundertfache übertraf.
Eine Studie, die der Spiegel vor einiger Zeit veröffentlichte, spricht von weit über 80.000 zivilen Opfern allein in Afghanistan. Nimmt man die angrenzenden Nationen, die in diesen Krieg involviert sind, zusammen, sprechen die Zahlen von 250.000 zivilen Opfern.
4000 US Soldaten verloren ihr Leben. 57 Bundeswehrsoldaten starben, z.T. bei Anschlägen, z.T. im Gefecht.

Und der internationale Terrorismus, dem man so martialisch den Kampf ansagte, hat eine Präsenz erlangt, die weite Teile unseres Lebens nicht nur durch die täglichen Meldungen in den Medien, also aus 2. Reihe, sondern auch durch sehr real geworden Angst in 1. Reihe bestimmt.

Wir gedenken jedes Jahr am 11. September der Toten von New York. Wer gedenkt derer, die in diesem -sauberen Krieg- durch alliiertes Hand das Leben verloren? Sie waren so unschuldig wie die, die an jenem Tag ihren Arbeitsplatz aufsuchten um abends nicht mehr heimzukehren.

Nur ein Beispiel möchte ich nennen, das für mich bezeichnend ist für die Verbrechen, die in Folge auf 09/11 geschahen. Verbrechen durch staatlich legitimierten Terror durch offizielle Streitkräfte.

Am 4.September 2009 befehligte ein hoher Militär, Oberst G. Klein, damals in Position des verantwortlichen Offiziers des Feldlagers Kundus, einen Einsatz, der 140 Menschen, größtenteils Frauen und Kindern, das Leben kostete. Zwei Tanklastzüge, ursprünglich von Kräften der Taliban entführt, möglicherweise zum Zwecke, mit diesen Anschläge zu verüben, steckten, 4 km vom Lager entfernt, nicht mehr fahrfähig im Wüstensand fest. Eine Bedrohungslage. Eine jedoch, die der offensichtlich völlig überforderte Befehlshabende nicht einzuschätzen im Stande war. Stunden später existierten weder die LKWs noch die Gruppen von friedlichen Zivilisten, die sich in unmittelbarer Nähe der Lastzüge aufhielten, um sich an deren Fracht zu bedienen. Eine Gefährdung der Sicherheit des Lagers war, nach offiziellen Statements unabhängiger Gutachter, zum Zeitpunkt des Bombardements, des Mordes oder der billigenden Inkaufnahme der Vernichtung 100fachen unschuldigen Lebens, längst nicht mehr gegeben. Der fachlich gängige Begriff hierfür nennt sich Kollateral- oder Begleitschaden.

Eine in Folge dieses Verbrechens, ja ich nenne es so, einberufene Untersuchungskommission entschied später in Berlin, dass dem Offizier kein Fehlverhalten nachzuweisen war. Eine Klage von betroffenen Angehörigen, die jüngst vor einem deutschen Gericht auf Entschädigung hofften, wurde abgewiesen. Wer gedenkt ihrer? Oberst Klein wurde mittlerweile zum Brigadegeneral befördert. Mit der Zeit wird man schon vergessen, was damals geschah.

All dies im Kampf gegen eine Form von Bedrohung, die erst durch Hysterie und organisierte, staatliche Gewalt zu dieser Dimension weltweiter Bedrohung gelangte? Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das lernt jedes Kind in der Schule. Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Anderslebenden, Andersaussehenden lehren wir unseren Kindern.

In Frankreich und Belgien fallen ausgelassen feiernde Menschen Anschlägen zum Opfer, während man in Paris am Nationalfeiertag auf der Champs Elysees waffenstarrende Paraden abhält. Politiker, wie jüngst Marie Le Pen, stellen sich, Kampfformeln wie „zu den Waffen Brüder“ skandierend, vor das Volk und machen verbal mobil gehen alles, was ihrer politischen, gesellschaftlichen Ordnung widerspricht.

Ist das unsere Vorstellung von einer befriedeten Weltgemeinschaft? Provokation? Unverantwortlicher Umgang mit Werten wie Presse- und Informationsfreiheit, wenn man bewusst provoziert mit Mohammed-Karikaturen und Verunglimpfung des Islams? Alle Welt war Charlie, gleich einer Herde blökender Schafe. Es geht nicht darum, sich Einschränkungen zu unterwerfen. Es geht um Sensibilität! Dann nämlich, wenn man durch sein Tun Gefühle bewusst verletzt. Wenn man durch dieses Tun nicht nur sich selbst gefährdet, sondern Gefahr läuft, einen Flächenbrand unvorstellbaren Ausmaßes auszulösen. Von den Werten unserer Gesellschaft ist die Rede, die es zu erhalten gilt. Worin liegen denn diese Werte? In der Befriedigung unbegrenzter Konsumsucht? Jeder kann alles in unbegrenztem Maß und zu jeder Zeit haben? In Unmoral und Dekadenz? Wenn wir nicht sehen wollen, schauen wir einfach weg. Was interessiert uns der Nächste? In dem Gedicht „An die Nachgeborenen“ von Brecht heißt es: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast zu einem Verbrechen wird, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt...?“

Wie es jenseits unseres Horizontes aussieht, sehen wir beim Abendessen in der Tagesschau mit aufgesetzter Betroffenheitmine. Im Spielfilm danach ist es bereits wieder vergessen. Die Stimmung möchte man sich ja doch nicht verhageln lassen. Wir haben es uns ja schließlich verdient.

Solange dies die Werte sind, die auch am Hindukusch zu verteidigen sind, wie es ein Herr Struck einst so vollmundig protokollierte, solange die Parlamentarier der Welt vordergründig im Interesse korrupter Kapitalisten statt im Sinne derer handeln, die am Ende die Zeche zahlen, erteile ich diesem Wertesystem eine deutliche Absage.

Unsere Gesellschaft verfällt zunehmend einem Nationalismus, der an Zeiten erinnert, die als überwunden galten. Spaltet sich über das Tragen von Kleidungsstücken wie Kopftuch, Burka oder Burkini. Vermutet hinter jedem am Boden stehenden Rucksack einen Sprengsatz sowie hinter jedem Schleier einen Selbstmordattentäter. Ausgewiesene Feministen, ob nun männlichen oder weiblichen Geschlechts, möchten jeder Frau, die ein Kopftuch trägt, dieses am liebsten vom Haupt reißen, stellt es ihrer Meinung nach schließlich ein Symbol weiblicher Unterdrückung dar. Flüchtlingsströmen aus den genannten Nationen wird pauschal mit Argwohn und Generalverdacht begegnet. Kürzlich las ich in einem Leserbrief dieser Zeitung die Worte eines geistig offenbar sehr beschränkten Herrn, der die zahlreichen Einsätze von Polizei und Feuerwehr in Flüchtlingsunterkünften bemängelte. Diese Institutionen seien schließlich vordergründig für die deutsche Bevölkerung zuständig, so seine Worte. Wer schützt uns eigentlich vor derartigem Ungeist bzw. geistiger Brandstiftung dieser Art?

Nochmal, nichts ist verächtlicher als Gewalt, welches Motiv dem auch immer zugrunde liegt. Vor 3 Jahren erregte eine junge Frau mit einer Rede vor den Vereinten Nationen großes Aufsehen. Malala Yousafzai. Monate zuvor wurde Sie durch einen Mordanschlag der Taliban lebensgefährlich verletzt. Kein Hass, keine Rachebeschwörungen und kein Kriegsgeheul beinhalteten ihre Worte. Stattdessen ein Appell an Nächstenliebe, Vergebung und Verständigung zwischen den Nationen, zwischen den Religionen, zwischen den Wertegemeinschaften der Welt.

Es wird immer Kräfte geben, die ihren Ideologien mit der Waffe in der Hand Nachdruck verleihen werden. Aber es ist eine Minderheit, der der gesunde Menschenverstand etwas entgegenzusetzen hat. Und dazu bedarf es bestenfalls der Waffe des Wortes und der Bildung.





Von Menschen und Menschlichkeit...

Es wird seine Gründe haben, dass die Mitarbeiterinnen einer Institution, an der Menschen wie ich, die ihren Lebensunterhalt durch den Regelleistungssatz
Hartz IV bestreiten müssen, nicht vorbeikommen, lediglich mit Nummern versehen sind.

Namenlose Geschöpfe, an deren Büroeingang bzw. Schreibtisch lediglich eine Zahl prangt: Platz X. So geschehen vor wenigen Tagen, als ich diesen Gang (des Bittstellers) nach Canossa über mich ergehen lassen musste. Nun ist man einiges gewohnt in dieser (un)sozialen Situation - oder sollte ich sagen: in diesem sozialen Abseits? Ein gerüttelt Maß an öffentlicher Ächtung und Ausgrenzung ist leider nicht die Ausnahme.

Ein paar Beispiele: Nehmen wir ein beliebiges Kreditinstitut und die Eröffnung eines neuen Girokontos, wie es ein Wohnortwechsel nun mal notwendig macht. Bis zu dem Zeitpunkt, da man seine Vermögensverhältnisse noch nicht offenbart hat, wird man durchaus als gern gesehener Kunde bedient. Das ändert sich schlagartig, wenn man die Karten beziehungsweise den Leistungsbescheid ALG II auf den Tisch legt. Nein, zur bevorzugten Klientel gehört man nun wirklich nicht, was die Miene des Kundenberaters unschwer erkennen lässt.

Ein weiteres Beispiel: Die Wohnungssuche. Befindlichkeiten dieser Art gestalten sich nahezu aussichtslos, sei es nun bei einem privaten Anbieter, bei dem man sein Glück versucht, sei es bei einer Hausverwaltung oder gar bei einem Makler, bei dem man den Fuß kaum über die Schwelle zu setzen braucht. Der bedauernde Blick des Mitarbeiters bzw. der Mitarbeiterin (nicht, dass sich Frauen diskriminiert fühlen) dieses Gewerbezweiges, der nur zu gern auf den Notstand der eigenen wirtschaftlichen Situation verweist, ist noch die einzige Menschliche Konter, die aus diesem aussichtslosen Streben hervorgeht.

Ich denke, es wäre der Situation zuträglich, wenn man sich zur deutlichen Kenntlichmachung oder Kennzeichnung derer, die von diesen staatlichen Zuwendungen zu leben gezwungen sind, entschließt. Die Konsumbehinderten. Es ist, wie es ist. Man gilt als Mensch zweiter Klasse. Bedingt solvent. Bedingt vertrauenswürdig. Im Haifischbecken des Wohnungsmarktes, der in zunehmender Weise jede Form von Menschlichkeit entbehrt und nach legalisierten, mafiösen Strukturen arbeitet. Der Mensch, um den es doch geht, verschwindet hinter Zahlen, Statistiken, erfassbaren Daten. Was zählt da Freundlichkeit? Was ein persönlicher Eindruck oder ein Blick ins Gesicht derer, die in dieser verdammt beschissenen Situation nach einer Existenzgrundlage suchen? Zahlen sind das Gebot der Stunde. Mehrung von Kapital und Ertrag! Utopische Mieten, die im Rahmen zunehmender Gentrifizierung das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht haben.
Und all dies unterstützt von höchster Stelle, die anhand jährlich steigender Steuereinnahmen eine Volkswirtschaft darstellt, die zu den mächtigen der Welt zählt.

Aber zurück zu meinem eigentlichen Thema, dem Gang zum Jobcenter.
Als ob das Quantum an Erniedrigung, wie beschrieben, nicht genügte, wurde mir hier ein Maß an Unfreundlichkeit, ja dummdreister Frechheit, durch eine gewisse Mitarbeiterin zuteil, dass es mir diesen Brief wert ist. Man hat bei Antragsabgabe doch hie und da ein Anliegen, eine Frage, die in meinem Fall mit Worten wie „jetzt ist meine Geduld mit Ihnen aber am Ende“ abgekanzelt wurde. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt gerade mal 2 Minuten in Gegenwart dieser Person. Unverhohlen verwies man auf den Umstand, dass noch wichtigere Dinge zu erledigen seien, als mir meine unqualifizierten Fragen zu beantworten. Fragen über Fragen. Verzweiflung über diese Art der Herabwürdigung.

Jüngst gab die Bundesagentur für Arbeit, die aktuellen Arbeitsmarktzahlen bekannt. „Der Aufwärtstrend hält unvermindert an. Die Arbeitslosenzahlen sind mit 2,3 Millionen Erwerbslosen so gering wie nie. Der Aufwärtstrend setzt sich unvermindert fort. Darin liegt des Pudels Kern! Man existiert als Hartz-IV-Empfänger überhaupt nicht. Wie soll man da Beachtung und individuelle Beratung erwarten? Rund 6 Millionen Menschen - Entschuldigung: Leistungsempfänger ALG II - die in keiner Statistik dieses Wohlstandstaates Erwähnung finden. Sie sieht keiner. Sie braucht keiner. Sie will keiner. Sie sind der Ausschuss!
Verständlich, die Reaktion der Dame, die mich bereits vergessen hatte, als ich Ihr Büro verließ.


Ich hätte mich so gern beschwert über diese (un)Person. Doch wo? Doch über wen? Einen Namen hatte sie nicht. Es wird schon seine Gründe haben.







Wider das Vergessen


25 Jahre Mauerfall. Eine Generation. Die Bilder so präsent wie im Jahr der Ereignisse selbst. Die Kraft dieser Bilder ist ungebrochen. Zu Recht wurde das Dokumentationsmaterial jüngst von der UNESCO in den Bestand des Weltkulturerbes übernommen. Die Stimmen, die immer wieder von den Ereignissen um den 9. November berichten, wie alles begann, wie es in Leipzig, Dresden, Berlin und vielen anderen Orten der DDR verlief, lösen noch heute tiefe Emotionen aus.
Ich selbst war 27 Jahre alt, als ich im Auto auf dem Weg von Hamburg nach München die tränenerstickten Worte eines Journalisten hörte, dass das Unfassbare geschehen sei!
Aber es wird der Tag kommen, an dem die Stimmen laut werden, dass es genug der Erinnerung sei. Wir kennen es von einem anderen Kapitel der deutschen Geschichte. Ein Ereignis, das drei Generationen zurückliegt und dessen Aufarbeitung bis heute nicht abgeschlossen ist. – Wie müssen es verhindern, dass mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte so nachlässig umgegangen wird, wie es in den Jahren nach dem Ende des Nationalsozialismus geschah!
Aber stellen wir uns noch einmal die Frage, wer die Protagonisten dieses Umsturzes waren? Natürlich entschied sich der letzte „Akt“, der schließlich zum alles entscheidenden führte, auf der Bühne der Politik. Natürlich war es ein Akt der Diplomatie zischen den Ost- und Westmächten. Zu erwähnen an dieser Stelle vielleicht auch, dass die Wiedervereinigung manchen Nachbarn alles andere als gelegen kam. Mit allen Mitteln versuchte Margaret Thatcher den Verlauf der Geschichte zu verhindern. Für Francois Mitterrand war es mehr ein großer Deal. Er sagte Kohl die uneingeschränkte Unterstützung zu, wenn dieser der europäischen Währungsunion zustimmte. Andernfalls …?
Aber darum soll es hier nicht gehen. Den Stein ins Rollen brachten nicht die Damen und Herren der Regierung(en), wie es ein bereits erwähnter Herr, der über 16 Jahre die Geschicke unseres Landes lenkte, so gerne darstellt. Jüngst äußerte sich eben dieser vergreiste, von Krankheit gezeichnete, von der Geschichte vergessene Herr insofern, dass es lächerlich sei anzunehmen, dass den  Hunderttausende, die auf die Straße drängten und
Freiheitsparolen skandierten, zuzuschreiben sei. Er äußerte sich noch viel direkter. Zitat: „Gorbatschow sei - am Arsch des Propheten gewesen - und hätte unter dem Druck des Westens gar nicht mehr anders handeln können.“
Mal ehrlich: Kann diesem Mann mal jemand den Mund verbieten?
Ich habe die Bilder seines jüngsten Auftritts in der Öffentlichkeit vor Augen, als er auf der Buchmesse 2014 sein zuletzt erschienenes Werk präsentierte, das nun endlich die einzig gültige Wahrheit über 16 Jahre Amtszeit enthalten soll. Das Licht ins Dunkel der zahlreichen Ungereimtheiten wie Parteispenden- und Stasiunterlagen-Affäre etc. bringen soll!
Der Mann, der nicht weniger als fünfmal als Bundeskanzler den Eid auf die Verfassung geschworen hatte und in dieser Position kontinuierlich diesen missachtete, indem er geltendes Recht missbrauchte. Dieser Mann, den lediglich eine glückliche Fügung des Schicksals zum „Kanzler der Einheit“ stilisierte, maßt sich an, über Menschen zu urteilen, die Freiheit und Leben riskierten, um einen Staatsapparat zu Fall zu bringen, der den Begriff der „Demokratie“, den er im Namen führte, zum Treppenwitz verkommen ließ.
Ich denke, es ist es nichts als Verbitterung, die aus diesem Mann spricht, der auf so unnachahmliche Weise sein Amt führte. Der die Öffentlichkeit wie die Presseorgane so gern als dummen Jungen diffamierte. Dem so vehement daran gelegen war, die Aufarbeitung der Stasiunterlagen zu blockieren? – Ein Schelm, wer etwas Unrechtes dahinter vermuten mag …
Man sollte wissen, wann es vorbei ist, Herr Kohl. Wenn die Musik nicht mehr spielt, sollte man die Manege nicht mehr betreten.
Brecht sprach von Widerstand, der zur Pflicht würde, wenn Unrecht zu Recht verkommt. Henry David Thoreau nannte es „die Pflicht zum zivilen Ungehorsam gegenüber dem Staat“. Ziviler Ungehorsam hat die Fesseln gesprengt und die Freiheit erzwungen. Infolgedessen muss es heute die Pflicht sein, die Schuldigen zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen.
Dies muss die Aufgabe der kommenden Jahre sein. Man ist es denen schuldig, die unter einem menschenverachtenden System litten, das sich 1949 zur Aufgabe machte, eine bessere Gesellschaftsform zu gründen. Eine
Gesellschaftsform, die sich auf marxistische Grundsätzen stützt, die dann jedoch auf  so schändliche und kriminelle Weise missachtet wurden.
Die Tränen der Freude 1989/1990 waren kaum getrocknet, als hie und da Stimmen laut wurden, die das Rad der Geschichte gern wieder zurückgedreht hätten, weil es doch nicht so einfach und unproblematisch war, wie in Aussicht gestellt. Weil die blühenden Landschaften nicht ohne Weiteres aus dem Nichts entstanden. Weil die Einheit nicht aus der Portokasse zu finanzieren war (Zitat: Kohl). Weil der  Solidaritätszuschlag nicht nur für ein Jahr, wie in Aussicht gestellt, erhoben wurde (Regierung Kohl). Weil – nennen wir es beim Namen – ein marodes unwirtschaftliches Land nicht mit wunderschönen Videorekordern, hochtechnisierten und Haushaltsgeräten zu „befrieden“ war. Ein Land, das nur wenige Jahre vor der Wende mit einem Milliardenkredit am Leben erhalten werden musste.
Ich denke, es sind die perfiden Lügen, derer man sich so gern bedient zwecks Manipulation der Wählergunst – die schlussendlich Unzufriedenheit hervorrufen. Wenn die Wahrheit offensichtlich wird, kann dies nur Frust und Unzufriedenheit mit sich bringen.
Aber noch mal zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Lassen wir die Magie der Zahlen auf uns wirken, auch wenn sie niemandem mehr fremd sind. 160 km Aktenmaterial. 15.000 Behältnisse von Fragmenten, die im letzten Akt der DDR in aller Eile vernichtet werden sollten, befinden sich heute noch unbearbeitet in den Archiven. Nach herkömmlichen Arbeitsmethoden würde es 500 Jahre dauern, diese zu rekonstruieren. Das FraunhoferInstitut Berlin hat in 4-jähriger Arbeit einen Hochleistungsscanner entwickelt, der diese Arbeit um ein Vielfaches vereinfacht. Der Bundesregierung liegt nun der Kostenplan für die Finanzierung dieses Projektes zur Genehmigung vor. Man darf gespannt sein: Wieder geht es um die Frage, ob die Aufarbeitung vorangetrieben werden sollte.
Ist es dem ein oder anderen des „Hohen Hauses“ vielleicht doch nicht so recht, aus Angst, dass Namen fallen, die wir heute noch gar nicht in einen Zusammenhang mit der Geschichte der DDR bringen? Hat doch noch der eine oder andere Angst um seinen Kopf?
Wie auch immer. Mancher verstand es, selbigen aus der Schlinge zu ziehen und heute vor der Öffentlichkeit seine Hände in Unschuld zu waschen. Nichts ist offenbar vergänglicher als das Gedächtnis der Täter.
Wenn wir heute die jüngste Debatte in Thüringen verfolgen, wo ein rot-rotgrünes Bündnis zur Diskussion steht, sofern die „Linken“ ein Papier unterschreiben, welches die DDR offiziell als Unrechtsstaat bezeichnet, was in den Reihen der Linksfraktion teilweise auf Unverständnis und Empörung stößt, möchte man schon verzweifeln über so viel Dummheit und Ignoranz derer, die die Geschicke des Volkes lenken.